uhlfings-chroniken

Zwölfter Eintrag – Das Herz des Berges

Tage 21-24
Eingetragen am 28 Tag im Phexmond 1043
Ingrakuppen, Richtungen Sonnenberg

Am Steinkreis sollte sich alles bestätigen, was wir befürchtet hatten. Er wurde tatsächlich als Umschlagsplatz missbraucht, auch wenn sich die Beteiligten laut Banuq bemühten, regelmäßig ihre Spuren zu verwischen. Trotzdem war es ein heiliger Ort: Erzadern durchzogen die Hinkelsteine, die wie aus dem Boden gewachsen zu sein schienen und Agran Eisenbart sollte noch lange von dem Mondsilber, Kupfer, Zink und vielem mehr darin schwärmen, die für die Vertretung der Elemente standen. Auch wenn es Andarion von Neersand beunruhigte, vor allem auch die Gegensätzlichkeiten zu erkennen. Wenn Feuer und Eis sich gegenüberstand, war das Wirken Pyrdacor nicht weit. Von Fratim, den Geoden, der sich gegen uns gestellt hatte, war im Übrigen seit dem Kampf im Tannenwald nichts mehr zu sehen und auch der Falke tauchte nicht mehr über uns am weiten Himmel auf…

Aber wir sollten ohnehin keine Zeit haben, unseren Sorgen nachzuhängen, denn neben dem Luftgeist, der uns umschwirrte und von Murtosch und einem wissenden Thurin wisperte, erschien ein großer, weißer Hund auf dem Plateau, aus dessem Maul eine verständliche Stimme drang und uns ebenfalls von einem Thurin berichtete, der in großer Gefahr schwebte. Nach kurzem Zögern folgten wir dem aufgeregten Vierbeiner, der sich später als Thurins Vertrautentier namens Jandrok herausstellte.
Wir retteten Thurin wenige hunderte Schritt weit schwer verletzt aus einem Bachbett. Sein Leib war von Wunden übersäht und wir errichteten ein kleines Lager im Schutz einiger weniger Tannen, wo ich am Feuerschein seine Wunden verband und über seinen Zustand wachte.

Thurin kam erst in den frühen Morgenstunden zu Sinnen. Wir beide unterhielten uns leise im letzten Glimmen des Nachtfeuers und hier erfuhr ich von seinem Zirkel, den Hütern der Wunde und dass Barlox, mein alter Freund, vor kurzem bei ihnen gewesen war! Er berichtete mir, dass Barlox auf dem Weg nach Simiador, der neuen, unheilvollen Hauptstadt der Brilliantzwerge war, wo er sich Antworten auf Fragen erhoffte, die er jedoch nicht mit den Geoden geteilt hatte. Neue Hoffnung stieg in mir auf, doch bevor ich so richtig darüber nachsinnen konnte was als nächstes zu tun sei, erwachten auch die anderen Himmelssteine nach und nach und wir konzentrierten uns wieder auf unsere eigentliche Aufgabe, die uns hierher in die Ingrakuppen geführt hatte.
Thurin war auf seiner Wanderung von einem Erzdjinn angegriffen und beinahe getötet worden, bevor wir ihn im Bach gefunden hatten. Als wir ihm von Fratim berichteten, der uns ans Leder gerückt war, erkannte er ihn als einen Herren der Erde und einem Rivalen ihres eigenen Zirkels. Noch aufgeregter wurde Thurin, als wir ihm die Nachricht des Luftgeistes überbrachten. Er bestand darauf, auf der Stelle aufzubrechen und zu seinem Zirkel zurückzukehren.
Wir begleiteten ihn den Gebirgskamm entlang zu seinem Hain, ein herrliches kleines Tannenwäldchen weit oben am Hang der Ingrakuppen, abseits aller Bäume, die eigentlich hier nicht mehr wachsen konnten. Ein wahres Wunder Sumu.

Was wir allerdings darin erblickten, erstickte meine Freude jedoch im Keim. Zwei tote Geoden mitten in ihrem Steinkreis, der Waldboden getränkt von Blut. Thurin, wissend von dem natürlichen Werden und Vergehen aller Dinge, übergab sie trauernd aber gefasst unserer Urmutter, und dann ergriff ihn ein drittes Mal Entsetzen. Wir folgten ihn in einen Hügelbau gleich neben dem Steinkreis und fanden Verwüstung vor. Doch kein wildes Tier war hier eingedrungen, denn die Spuren waren weder Stiefel noch Tatze. Auch war kein willenloses Toben in den zerschmetterten Regalen und Kisten zu erkennen, vielmehr hatte man nach etwas gesucht: Einem gut verborgenen Durchgang in der Höhlenwand, nun mit überderischen Kräften aufgerissen, hinter dem sich, geschützt in einer natürlichen Kaverne, das Herz des Berges befunden hatte. Es war geraubt worden.
Vor langer Zeit hatte Brandan dieses mächtige Artefakt, welches Pyrdacor selbst geschaffen hatte um die Elemente zu unterjochen, gestohlen. Die Hüter der Wunde sollten es schützen und vor der Welt verbergen und nun war es fort.

Thurin vermutete die Herren der Erde hinter diesem Raubüberfall und den Morden an seinen Brüdern und bei uns verstärkte sich die dunkle Ahnung, dass das böse Flüstern nicht nur die Zwerge in Calbrozim sondern auch schon die Strömungen der Geoden erreicht hatte. Was, wenn die Herren der Erde es verwenden wollten um Murtosch, den Meister des Erzes, zu unterwerfen wie es einst schon Albatrox versucht hatte? So erklärte sich, warum die Erde, der Stein und all seine Bewohner wie die Mindergeister denen wir auf unserem Weg begegnet waren, in heller Aufruhr waren. Wir mussten diese Herren der Erde aufhalten!

Thurin wusste um Murtoschs Sitz, dem Berg Xomtosch, oder Sonnenberg in der Sprache der Menschen genannt. Dieser war mehrere Tagesreisen entfernt und wir hatten keine Zeit zu verlieren. Dennoch entschieden wir uns nicht für den schnellsten Weg, denn dieser würde direkt über den Gletscher führen.
Das sollte sich als eine weise Tat herausstellen, denn selbst auf dem Pass, der einen leichten Umweg um den Gletscher selbst beschrieb, überraschte uns am dritten Tag ein so heftiger Schneesturm, dass wir Schutz unter einem Felshang suchen mussten, den Thurin mit Hilfe unserer Urmutter verstärkte, sodass wir halbwegs sicher vor den Steinschlägen waren, die sich gegen uns warfen wie von bösem Willen getrieben. Die Kälte und der eisschneidende Sturm blieben jedoch fürchterlich und verlangten viel von uns ab.
Dennoch schaffte es Banuq irgendwie mit purem Stursinn und verbissenem Trotzen, in dem weißen Toben eine Bergziege zu schießen und uns ein Feuer zu entzünden, sodass wir ausreichend zu essen und zumindest warme Zehen hatten. Am nächsten Tag, der dichten Hochnebel brachte, setzten wir unsere Reise fort.

Belohnt wurden wir nach weiteren beschwerlichen Stunden dann vom Blick auf den Sonnenberg, der sich aus den dichten Schwaden schälte. Mächtige Kristalle, die aus seinen Flanken wuchsen, spiegelten grell das Licht der nun durchbrechenden Sonne und vielleicht wären wir vor Erfurcht stehen geblieben und hätten noch einige Momente gestaunt, doch da erschütterte ein heftiges Beben den Berg. Kristalle zersprangen in einem lauten Klirren, das bis zu unserem Hang getragen wurde und ein Höhleneingang, nicht mehr als ein kleiner, dunkler Flecken an der Flanke des Xomtosch, zog unsere Blicke auf sich.

Thurin begann zu rennen. “Murtosch ist dort drin, und er braucht uns.” Diese Worte sollten sich noch lange in mein Gedächnis brennen, als wir ihm hinterherstolperten.