Zehnter Eintrag – Schrecken im Tannenwald
Tag 19
Eingetragen am 23 Tag im Phexmond 1043
Im Tannenwald, nördlich von Calbrozim
Der Blitzeinschlag in den Bergkamm sollte eine erste böse Ahnung dessen sein, was uns in dem uralten Gehölz erwarten würde.
Zuerst stießen wir auf eine steile Felswand, die von magischen Kräften einer abweisenden Mauer gleich geformt worden war und uns das Weiterkommen verwehrte. Hier überraschte uns das magische Talent von Andarion von Neersand auf ein Neues: Binnen eines Wimpernschlages stand er unvermittelt auf dem Kamm sieben Schritt über uns und warf uns ein Kletterseil hinab, womit es uns ein Leichtes war, ihm und den Weg weiter zu folgen.
Auf meinem Weg nach oben, gezogen von der schieren Kraft Agran Eisenbarts, warnten mich Grubengasling-Mindergeistern vor dem Bösen, das ihre Heimstadt, die Erde, so brutal umgewühlt und aufgetürmt hatte. Und auch die Bäume hier sprachen von schierer Furcht als ich meine Hand auf ihre Rinde legte. Ich versuchte meine Gefährten zu warnen, doch diese waren entschlossen herauszufinden, was es mit dem abgrundtief bösen Treiben auf sich hatte.
Was dann allerdings folgte, hätte mich um ein Haar jeden Mut verlieren lassen und auch wenn ich nicht stolz auf diese Zeilen bin, muss ich gestehen dass es nur die Worte von Agran Eisenbart und das grimmige Voranschreiten von Banuq waren, die mich daran gehindert hatten nicht zu verzagen.
Als wir eine kurze Rast einlegten, suchte ich Kraft und Rat bei unserer aller Urmutter. Im süßlichen Geruch des Regens auf Tannenholz, dem Rauschen der Zweige im Wind und dem tiefen ehrlichen Ruhen der Erde, in die ich meine Finger grub, suchte ich nach Trost. Doch als ich mich wie so oft schon davor mit meinem Seelenfunken in der Tiefe der Erde verlor, stieß ich auf etwas, das meinen Geist mit den Klauen des furchtbarsten Zorns umschlang, den ich je erfahren hatte: Die Erde war in Aufruhr, und unter den Ingrakuppen, auf die wir immer weiter zuhielten, fühlte ich etwas. Ein uraltes Böses, von solch schrecklichen Hasses, dass ich drohte von ihm verzehrt zu werden.
Als ich erwachte, fand ich mich von Regen und Schweiß durchnässt von den Himmelssteinen umringt. Es folgte ein langer Streit, was nun zu tun sei und erst als ich im Hin und Her erfuhr, dass sie schon dem Auerochsenkönig selbst gegenübergetreten waren, sammelte ich genügend Zuversicht und grimmige Entschlossenheit, die Reise fortzusetzen. Wir unterhielten uns über ihre Erlebnisse, und ich teilte den Glauben der Urmutter mit ihnen, und umso länger wir sprachen, desto mehr Hoffnung erfüllte uns wieder.
Später am Tag trafen wir auf einen großen Höhlenbären, der verletzt und getrieben direkt auf uns zuhielt. Wie alle Geschöpfe der Sumu verband uns das Leben selbst, sodass sich sein Geist mir öffnete. Doch bevor wir ihm Linderung verschaffen konnte, schossen groteske geflügelte Gestalten aus Stein heran und schlugen ihn binnen eines Wimpernschlags brutal zu Tode, bevor sie sich umgehend gegen uns wandten, sodass wir keine andere Wahl hatten als zu kämpfen. Zwei der drei Erzgeister entkamen, nachdem wir den Dritten mit größter Mühe niedergerungen hatten: Banuqs Pfeile trafen mit jedem Schuss, doch prallten an ihren Leibern ab und selbst Agran Eisenbarts furchtbare Kriegskeule schien ihnen nichts auszumachen. Andarion von Neersands geschleuderte Flammenlanzen jedoch trieben sie zurück und auch ich wusste mir nicht anders zu helfen als den Zorn der Elemente gegen sie aufzuwenden.
Banuq hatte zu Beginn des Kampfes den Schrei einer Frau vernommen, dem er sofort nachging als der Kampf gewonnen war. Er stieß nach kurzer Suche auf ein zerstörtes Lager wenige Schritt weiter im Wald und inmitten darin eine bewusstlose und verletzte Zwergin, die sich nach dem Erwachen und Versorgen ihrer Wunden als Ombroscha, Tochter der Orgescha vorstellen sollte.
Die aus Angbar stammende Frau hatte von den ungewöhnlichen Erdrutschen in dieser Gegend gehört und hoffte, auf seltene Erze zu stoßen, nach denen sie hier graben wollte. Oh, diese Zwerge. So tief mit der Erde verwurzelt und doch so gierig, ihr alles zu entreißen was sie wunderbar macht. Meine Gedanken schienen auch Geoden zu teilen, die sie hier getroffen hatte: Ein Zauberwirker namens Fratim verscheuchte sie mit der Verwünschung, sie würde Sumu beschmutzen und wie erwähnt, im Stillen stimme ich dem Unbekannten Geoden zu… Blieb nur herauszufinden, ob die geflügelten Erzgeister von Ombroschas Werkzeug, dem Aufwühlen der Erde oder von rachsüchtigen Geoden aus den Findlingen rings um Lager erweckt worden waren. Das zu klären lag nicht in unserer Macht, doch fanden wir eine Karte in Ombroschas Besitz, die mit verschiedenen Notizen Aufschlüsse über die Umgebung bot.
Da es spät geworden war und der Regen bis zum nächsten Morgen nicht nachlassen würde, übernahm Banuq die Leitung ein Lager zu errichten. Er war es auch, der den Höhlenbär zerlegte und uns mit gutem Fleisch und Ombroscha mit einem weichen Lager aus Pelz versorgte. So fand alles einen Platz im ewigen Kreislauf aus Werden und Vergehen. Morgen würde es ein nebliger Tag werden, und so unklar wie der Pfad in grauen Schwaden sind auch die Gefahren, die auf uns warten werden.