Vierzehnter Eintrag – Der Kaiserdrache
Tage 24 - 28
Eingetragen am 2 Tag im Perainemond 1043
Ingrakuppen, Romdrolosch
Der restliche Weg durch die Tunnelstraßen war von warmer Dunkelheit und dem Knacken von Stein erfüllt. Doch nicht die Urmutter flüsterte hier zu uns: Wühlschrate und Felsasseln fraßen sich durch ihren Leib und ich mag gar nicht weiter ausführen, welche erschreckende Orte wir passieren mussten. Nur so viel sei gesagt, das Licht unserer Fackeln verbarg mehr im Schatten als es hervorholte, und ich danke Sumu dafür.
Belohnt wurden wir am Ausgang der Straßen mit einem Blick in ein unberührtes Tal, das so friedlich zu unseren Füßen in einem steilen Bergkessel lag, dass es mir beinahe die Tränen in die Augen trieb. Hier lag ein Herz der Urmutter selbst vor uns und ich konnte nur erahnen, welche Wunder sich unter den Wolkenstreifen und dem Blätterdach des Waldes verbargen.
Doch selbst wenn wir hätten hinabsteigen wollen, die steilen Berghänge und zerfurchten Klippen machten einen Besuch unmöglich. Vielmehr wagten wir einen nicht weniger gefährlichen Weg an der Flanke des Berges entlang und drangen wenig später wieder in tief verschneites Gelände vor. Hier, im stillen Weiß fand Banuq, der stets voran ging und Ausschau nach Fährten und Gefahren hielt, die Überreste zwergischer Baukunst. Mutter Sumu hatte sich zurückgeholt, was vor langer Zeit von den Drax zerstört worden war und geblieben waren nur Ruinen, die wie Knochen aus dem Schnee ragten. Auf der Suche nach einem Unterschlupf um der Kälte zu entgehen, fanden wir einen großen Bau an der Flanke eines Berges, der weniger verfallen war und weit in das Massiv hineinführte. Doch darin fanden wir kein morsches Holz, um Feuer zu machen. Stattdessen blitzen uns Berge aus Gold, Edelstein und anderem Tand im Licht der einfallenden Sonne entgegen. Haushoch überragten uns diese Dinge bis zu den Decken der Halle und formten ein ganz eigenes Gebirge mitten in den Ingrakuppen: Wir hatten Morchurs Hort gefunden.
Der schreckliche Kaiserdrache selbst schlief auf seinem Schatz. Sein gold schimmernder Leib war größer als der Flusskahn, mit dem wir nach Calbrozim gereist waren und obwohl seine Augen geschlossen waren und sein Atem ruhig ging, stellten sich mir alle Haare auf. Wir wagten es nicht, die Reichtümer, uralten Schriftrollen und andere Kostbarkeiten anzurühren. Beinah hätten mich alle Sinne verlassen, als Andarion die Schale mithilfe des Kristallschlägels singen ließ und sich Morchur zu regen begann. Schwarze Krallen und saphirgrüne Augen erwachten, dann erklang seine Stimme in unseren Köpfen. Hell wie der Morgen und schwer wie die Erde drang sie in unseren Geist und während die Zwerge und ich verstummten, waren es Andarion und Banuq, die wagten zu antworteten.
Ich erinnere mich nicht mehr an vieles, als wir so umgeben von Schätzen im Halbdunkeln der einstigen Zwergenhalle standen und sich die Aufmerksamkeit dieses mächtigen Wesens auf uns richtete. Nur noch, dass es das Wechselspiel von Andarions diplomatischen Geschicks und Banuqs furchtloser Direktheit war, die den Kaiserdrachen dazu brachten, sich mit uns befassen. Auch wenn es Andarions Pläne bestimmt vereitelte, hörten wir uns ja alle im Geiste ohne die Möglichkeit, uns gegenseitig von Torheiten abzuhalten. Was dazu führte, dass Banuq beinahe zwischen den armlangen Zähnen Morchurs geendet wäre, was für den Kaiserdrachen jedoch nur ein Spiel gewesen war. Ihm gefiel es sichtlich, sich über uns zu erheben, mit seinem Leib wie auch mit seinem Geiste. Und unser Vorhaben schien ihn ebenso zu belustigen wie zu faszinieren.
Doch bevor sich diese Zeilen noch in ungerechtfertigter Verehrung dieses Geschöpfes verlieren, möchte ich folgend festhalten was wir erfahren und erreicht hatten:
Morchur ließ sich nichts entlocken, was er nicht beabsichtigte mit uns zu teilen und mich ließ das Gefühl nicht los, dass er mit uns spielte. Wir erfuhren aber, dass Ischlarin einst ein Anhänger Pyrdacors gewesen war. Schon sein Vater Teclador war ein Vertrauter Pyrdacors gewesen und durch diese Umstände war auch der Purpurwurm in die selbe Gunst gerückt. So erhielt er auch das Geschenk, einen Meister des Erzes, Umbrakom, und einen Meister des Feuers, Alagrosch, an sich zu binden. Eine eigentlich unmögliche Gabe, wie wir bereits wussten, nur durch Pyrdacor möglich gemacht.
Dass Morchur uns überhaupt davon erzählte konnte uns hoffend machen. Er grollte dem Purpurwurm für das Wildern in seinem Reich, das konnten wir spüren. Doch so leicht ließ sich der Kaiserdrache nicht von ein paar Zwergen und Menschen in seine Pläne einspannen. Vielmehr nutzte er die Gelegenheit, die Zwerge zu verspotten: Agran überreichte er eine silberne Flöte mit den höhnenden Worten, dass es ein Zwerg sein sollte, der den Drax gegen den Wurm zur Hilfe rufen sollte. Wir sollten gen Romdrolosch ziehen und ich reimte mir zusammen, sollte es dem Kaiserdrachen gefallen und wir seinem Zweck dienlich sein, würde er uns zur rechten Zeit im Kampf gegen den Purpurwurm folgen…
Andarion und Banuq wagten es noch, um weitere Hilfe zu bitten. Doch kein Schwert noch Schild sollten wir erhalten wie in den alten Geschichten, die man sich in den Dörfern Andergasts erzählt wenn Helden gegen Ungeheuer zogen. Nur einen einzelnen Armreif sollte Andarion bekommen, dir sich wie von Zauberhand aus einem der Schatzberge löste und ihm vor die Füße rollte.
Als wir den Hort verwirrt aber lebend verließen und gen Romdrolosch weiterzogen, versuchte sich Andarion an einem Abend der Reise daran, hinter das Wirken des Artefakts in seinem Besitz zu gelangen. Während Agran draußen fürchterlich wütete und Stein und Eis zerschlug im Wissen, das Werkzeug im Zwist seiner Erbfeinde geworden zu sein, schlug Andarions Zauber fehl. Ob ihm ein Fehler unterlaufen war oder sich das Drachengeschenk mit eigenem Willen widersetzte blieb unklar, doch ich war unmittelbar von so viel Macht erfüllt dass ich im ersten Moment dachte, Sumu würde mich zurück in ihren Leib berufen. Gewächse in voller Blüte sprossen im eisigen Unterschlupf, den wir für die Nacht auserwählt hatten und mein Leib konnte sich für keinen Pelz entscheiden, in den er sich wandeln wollte. Erschreckend und berauschend zugleich wie das Werden und Vergehen von allem Lebenden durchzog es meinen Leib und meinen Geist. Andarion war zugleich jeder Kraft beraubt und nur mit Hilfe von Murtoschs Kristallen und ihrem Kraftgedächtnis sowie meiner übersprudelnden Energie, von der ich gab, konnte er sich wieder erholen. Ich spüre, dass sich seit dieser Nacht etwas in meinem tiefsten Inneren verändert hatte…
Andarion gelang es einige Tage später, den Widerstand des Armband zu brechen und sein Wirken zu offenbaren: Ironischerweise, so fand er heraus, schütze es die Seele seines Trägers vor fremden Einwirken, drehte man es in die richtige Richtung. Was allerdings passierte, kehrte man diese um, blieb ein gefährliches Geheimnis, das vorerst verborgen bleiben sollte.
Die weitere Reise verlief ruhig, nahezu friedlich inmitten der Natur. Tagelang zogen wir dahin, teilten Nahrung, Feuer und Gedanken miteinander und es war das erste Mal, dass ich mich in Gesellschaft anderer nicht unwohl fühlte.
Einer dieser Tage war es auch, an dem Agran seinen Geburtstag feierte. Viele Bräuche sind mir fremd geworden in meiner Zeit im Hain, doch an manches erinnere ich mich. Wir tauschten kleine Gaben aus und Agran erhielt einen kleinen verzierten Humpen von Andarion sowie einen der Bolzen von Banuq, mit denen man in Calbrozim bei der Stürmung der Trinkhalle auf uns geschossen hatte. Ich selbst gab einen Beutel Ilmenkraut, auch mit der Hoffnung damit Agrans rasende Wut über das Ränkespiel der Drax etwas lindern zu können. Wir hatten im vergangenen Mondenlauf schon viele Pfeifen miteinander geteilt und es schien mir ein passendes Geschenk. Doch auch ich erhielt etwas von dem Zwerg, der mir nun schon mehrere Male das Leben gerettet hatte: Einen kleinen, geschnitzten Bären aus Holz. Wie ich erfuhr, hatte der Zwerg auch den anderen Himmelssteinen im Laufe der Jahre solche Geschenke gemacht. Andarion besaß ein Einhorn und Banuq ein Pferd. Mir sollte erst später klar werden, dass dies für mich der Moment gewesen sein sollte, in dem ich mich als einer der ihren, als ein Himmelsstein fühlen sollte. Und als sowas wie ein Held.
Wir schrieben den 2 Tag im Mond der Peraine 1043 nach Bosparans Fall, als wir dann endlich Romdrolosch erreichten. Das „Alte Tal“, wie es in der Sprache der Menschen übersetzt gehießen hätte, machte seinem Namen alle Ehre. Die Kiefern, die hier standen waren älter als viele Bäume, die ich kannte und der Boden war von so urigem Wuchs, dass ich nicht anders konnte als den ein oder anderen Farn, Baumbart und Kiefernzapfen mitzunehmen um ihn viele Jahre später in meinem Hain einen Ort zum Wachsen auszusuchen.
Doch nicht nur friedvolle Wunder fanden wir. Die Tiere an diesem Ort hielten sich versteckt, als fürchteten sie jede Regung. Schneisen waren in den Wald geschlagen und verrottendes Metall und verdorbene Erde zeugten von lang vergangenen Kämpfen. Dies war ein Schlachtfeld, und es lag vor den Toren Romdroloschs. Wir fanden Spuren von Zwergen und kurz darauf einen kürzlich freigelegten Zugang, ein gewaltiges Portal in einem Felshang. Schutt und Bewuchs waren zur Seite geschafft worden und Agran erkannte im Eingangsbereich einen Mechanismus, ein Falltor gegen die Drax aus Zeiten der Drachenkriege. Davon gab es noch mehr Zeugnis: Kampfspuren im Steinwerg, geschwärzte Hallen und in der gesamten Tunnelhalle bedeckten Knochen den Boden. Doch nicht alle waren zwergischer Natur…
Und dann kam der Drache so plötzlich wie ein heuanrauschendes Gewitter. Lederschwingen, erst wie das schwere Schlagen einer Trommel, näher dann wie ein wütender Sturm im Herbst und schließlich war hinter uns im Eingang nur noch Staub, Wind und dahinter das Aufflammen von roter Wut, als das Untier landete und uns den Rückweg nach draußen versperrte!