Vierter Eintrag – König in der Opferschlucht
Tage 14-15
Eingetragen am 19 Tag im Phexmond 1043
Zwergenfeste Calbrozim
Das kleine Örtchen vor der Opferschlucht sollte sich als eine einsame Garküche an einem Steg herausstellen, geführt von einem Kosch-Zwerg namens Torup. Trotz des hervorragend scharfen Eintopfs und seiner freundlichen Art waren wir in dieser Nacht die einzigen Gäste, was wohl an den nicht vorhandenen Schlafstätten lag. Ich muss aber sagen, dass das Haselnussdickicht hinter dem Haus für mich mehr als ausreichend und äußerst bequem war.
Es hätte eine erholsame Nacht mit vollem Bauch und weichem Moos werden können, hätte uns nicht ein weiteres mal ein kollektiver Traum (oder spricht man hier von Visionen?) eingeholt:
Ich befinde mich in einer Mine. Meiner Mine. Leuchtendes Kraut erhellt den Schacht, eine Schiene verläuft unter meinen Füßen in die Weite des Tunnels. Und dann ruft es mich. Unheilvoll, bösartig. Ich möchte fliehen, hinaus aus der Mine an das Tageslicht. Doch das Rufen lässt mich nicht, es zerrt an mir und bevor ich mich retten kann, schlägt mich etwas nieder und ich versinke in der Dunkelheit der Tiefe.
Wir beratschlagen uns am nächsten Morgen zurück auf der Talaria und schlussfolgern, dass wir diesen Traum als Geode erlebt haben. (Ob meinem guten Freund Barlox ähnliches widerfahren ist?)
Doch viel Zeit darüber nachzusinnen hatten wir nicht. Kaum in der Opferschlucht eingefahren, wurde ein Handelsschiff, was uns am frühen Morgen wenige hundert Schritt vorausgefahren war, von Piraten überfallen! Sie schwangen sich mit Seilen von den Hängen an Deck und augenblicklich ging das Hauen und Stechen los. Während die Himmelssteine sich kampfbereit machten, zog ich es vor im Pelz einer Schiffsmaus unter Deck zu verweilen bis die Gefahr vorüber war. Ich konzentrierte mich im Anschluss lieber darauf, Schmerz und Leid zu lindern.
Man besiegte die Piraten mit wenigen Toten und einigen Verletzten und nahm sogar ihre Anführerin Prianna Flusswieder gefangen. Die eigentlich ganz umgängliche Frau trug einen Befehl bei sich, gezielt alle Zwerge auf dem Schiff zu töten. Dafür wurde sie in Form eines ungeschliffenen Edelsteins von einem Mann namens Holdwin Armshaus bezahlt. (Wo haben wir diesen Namen schon einmal gehört?!) Außerdem war der Ort der Bezahlung vermerkt, das Hotel zur Feste in Calbrozim. Als wäre dieser Umstand nicht aufreibend genug, stellte sich einer der Zwerge an Bord als niemand geringeres als das Altehrwürdiges Väterchen Albrax Sohn des Agam heraus, der Angarok Rogmarok, Hochkönig aller vier Zwergenreiche! Wir vermuten einen gezielten Anschlag auf sein Leben. Doch wer wusste von seiner heimlichen Reise, und warum sollte man ihn tot sehen wollen?
Albrax und sein schweigsamer Leibwächter Murox waren inkognito auf den Weg nach Calbrozim. Freigiebig und freundlich erzählte Albrax uns von seinem Vorhaben, unter anderem Dispute in der Stadt richten zu wollen. Unruhe herrscht in Calbrozim, nicht zuletzt wegen Träumen, die von einer Gefahr aus der Tiefe von von der rettenden Oberfläche erzählen. Den selben Träumen, die auch uns ereilten!
Albrax lud uns ein, ihn nach Calbrozim zu begleiten, wo wir die überlebenden Piraten der Gerichtsbarkeit übergeben werden.
Und bei Sumu, was für eine Stadt! Auch wenn ich die Wälder und Täler des Koschs jederzeit vorziehen würde, kann ich nicht umhin zu staunen. Ein Hafen unter den ausladenden Hängen eines Berges, in den eine ganze Stadt getrieben worden ist, in den Fels hinein und in wundersamen Wegen hindurch und hinauf auf dessen Gipfel.
Hier, direkt beim Verlassen der Schiffe, wurden wir durch Albrax auch Gharmon und Gatrox vorstellig, die Söhne des Grafen Ghambir, Sohn des Gruin, Graf von Isenhag und Herrscher von Calbrozim. Stände interessieren mich herzlich wenig, doch Zwerge tragen anders als wir Menschen mit ihren kleinlichen Beinamen eine gewisse Urmacht in sich, eine Würde und Kraft, die mich schwindeln lässt.
Mein Schwindel sollte nicht weniger werden, als man uns tief in den Berg in die Thronhalle führte, in der über dem Herrscherstuhl eine mysteriöse Flamme schwebte. Und darunter Ghambir selbst, in Begleitung seiner Tochter Gandrixa, eine äußerst zuvorkommende Zwergin, geschickt in Wort und Auftreten.
Albrax und Ghambir ließen uns kurz in der Halle mit ihr allein, um sich zu beratschlagen, wohl was es mit den Überfall auf Albrax auf sich hatte und wie man mit uns weiter verfahren würde. Auch wenn man uns freundlich behandelte und uns mit Speis und Trank bewirtete, habe ich das Gefühl wir werden in ein Ränkespiel gezogen, das fester greift als Schlingefeu. Und wahrscheinlich tödlicher sein kann als diese schöne Pflanzenart, die die Eichen erklettert und… Ich muss aufhören, der Zwergenhochkönig und der Graf von Isenhag verlangen nach uns!