uhlfings-chroniken

Neunzehnter Eintrag – Nach Okdrâgosch

Tage 5-7 nach Ishlarins Befreiung
Eingetragen am 13 Praiosmond 1044
In Okdrâgosch

Ein weiteres Mal bewies sich Albrax als Anführer aller Zwergenvölker. Seine Stimme hallte wie ein Felssturz durch das Heiligtum, in dem sich Pilger, Priester und Krieger drängten, während von draußen das Wüten der Westwinddrachen und Erzgolemiten zu hören war. Er koordinierte das Bemannen der Speerschleder auf dem Dach des Heiligtums, mit dem er Banuq, Agran und den Bergkönig der Ambosszwerge Arombolosch höchstselbst beauftragte. Andarion, den Kriegern und mir sollte der Ausfall und das Retten der Pilger hinab in die Wälder am Fuß des Berges obliegen, wenn der erste Schuss des Drachenbanns getan war.

Tiefe Furcht und Verzweiflung ergriff mein Herz, als der Bergkönig, Banuq und Agran nach oben eilten und die Waffe unter großer Anstrengung das erste Mal seit vielen Jahren wieder in Betrieb nahmen. Ich selbst hockte in der Halle, doch später erzählte man von ihnen, wie sie das gewaltige Konstrukt aus Holz und Stahl an großen Kurbeln herumschwenkten und einen nach dem anderen Drax aus dem Himmel pflückten.

Aber als Andarion in seiner Gestalt zu wachsen schien und sich in ein regenbogenfarbenes Licht hüllte, das alle um ihn herum ruhig und aufmerksam für die anstehende Flucht machte, wurde mir bewusst dass sich die Wand aus Ranken noch vor der Tür befand, und dass ihre Dornen keinen Unterschied zwischen den Pilgern im Inneren und den Golemiten draußen machten, deren Fäuste und Arme sie erbarmungslos zerquetschten. Sumus Wille und Zorn, einmal geweckt, war kein Kerzenlicht, dessen Flamme sich einfach so wieder löschen lies. Sumu verzeih mir, doch in jenem Moment habe ich mich über dein Wirken und das Geschenk des Lebens gestellt. Ich habe dein Geschenk in sich zusammenfallen und verfaulen lassen und dich als Werkzeug unter meinen Willen gezwängt…

Die Tore öffneten sich, und als sich der erste Speer in den Hals eines Drax bohrte und ihn verwundet in den Fels stieß, begannen wir mit dem Hochkönig, dem Grafen von Calbrozim und der Pilgerschar unseren Ausfall. Welch ein Chaos uns umschloss. Draxfeuer, Drachenbann-Speere und Andarions Zauberwirken, das in schrecklicher Geschwindigkeit als Wasserlanzen umherschoss. Schlachtgebrüll, Hilfeschreie und das Knirschen und Brechen von Fels und Stahl. Drax stürzten herab, Erzriesen schlugen um sich und mutige Krieger stürzten sich auf ihre übermächtigen Feinde, um die Schwachen und Wehrlosen zu beschützen.

Und dann stürzte das Heiligtum in den Schlund. Unter einer Woge aus Schutt und Lava verschwand das Bauwerk im Krater und für einen Augenblick sah ich Banuq, Agran und seinen Bergkönig als verloren. Doch Angrosch meinte es gut mit ihnen und schenkte uns ein zweites Wunder an diesem dunklen Tag. Irgendwie war es Agran gelungen, sie mit Hilfe eines Speeres und einem Tau in jenem Moment vom Heiligtum herab zu schwingen als der Schlund in sich zusammenbrach.
Doch damit nicht genug. Als wir die Pilger zwischen Strömen aus flüssigem Gestein den Berg herabführten, kamen die Zyklopen aus dem Schlund. Giganten mit nur einem Auge im Schädel und schrecklich anzusehen. Doch fürchten mussten sie nur die Erzgolemiten, die unter ihren Keulen zerschmettert wurden. Und sie waren es auch, die uns die Nachhut sicherten und die Flüsse aus Lava eindämmten, sodass wir in den Wald am Fuß des Berges fliehen konnten. Die Drax zogen ab. Wir hatten überlebt.

Doch lange Zeit zum Erholen zwischen den Bäumen und Sträuchern hatten wir nicht. Verwundete mussten versorgt und nach Wandleth gebracht werden. Dort hatten wir einen Tag für weitere Hilfe für die Verletzten und ernsten Gesprächen unter uns. Wieder war ich es, der zauderte und uns allen Vorwürfe machte, Monde verstreichen lassen zu haben und das Fest zu feiern ohne in der Zwischenzeit etwas gegen Ishlarin zu tun. Und wieder waren es die Himmelssteine, die mir Mut und Entschlossenheit zurückgaben. Ja, Ishlarin war das Böse, das aus dem Kreislauf aus Leben und Tod ausgebrochen war. Doch damit oblag es uns, diesen wieder herzustellen und das ganze klug und besonnen anzugehen. Es wurde Zeit, dass für mich aus Angst ein Winterfell erwächst…

Alsdann ließen wir die Pilger in der Sicherheit Wandleths in ihrem Zug zurück und so ging es unter Führung des Hochkönigs dem Grafen Gambir zusammen mit der Flamme des Erzes und allen Würdenträgern nach Okdragosch in den Trollzacken. Auf dem Weg dorthin hatten wir genügend Zeit, mit Albrax, Gandrixa und all den Würdenträgern zu sprechen und aufzuholen, was wir am Schlund geplant doch durch den Drax verpasst hatten. Albrax erzählte mir von der Verbannung der Geoden vom Fest, von der Erbschuld, die sie auf sich geladen hatten und flehte ihn an, nach der Zeit der Unruhen dieses Urteil noch einmal zu überdenken. Doch fürs Erste blieb der Hochkönig freundlich, aber bestimmt.
Ich meine in einer Nacht der zweitägigen Reise Andarion auch den ein oder anderen längeren Zauber gewirkt haben zu sehen, aber vielleicht war der Magier auch nur in das Licht seiner Kerzen vertieft und hing seinen eigenen Gedanken nach.

Schließlich erreichten wir Okdragosch in den Trollzacken, oder auch Schwarzdrachenwacht in menschlichen Zungen genannt. Ein gewaltiger, dunkler Turm zwischen den Zinnen des Gebirges mit einer roten Kuppe und einst von Trollen erbaut, wie Albrax und erzählte.
Hier erhielten wir rote Schärpen als Zeichen der Ehrengäste und jeder ein Zimmer zur Erholung. Ich zog einen Platz in den Pilzwäldern der unteren Ebenen vor, wo ich den Atmen des Humus mit meinem Herzschlag verbinden konnte.

In den nächsten Tagen, in dem der Rat von Okdragosch, sollten wir mehr darüber erfahren, wie der Purpurwurm Ishlarin durch die Geoden Zugang zu der Magie gefunden und sie zum Teil seiner Essenz gemacht hatte. Aber das erst nach ausgiebigen Schlaf und Erholung unserer gepeinigten Körper und Seelen.