uhlfings-chroniken

Neunundzwanzigster Eintrag – Geschenk des Humus

Eingetragen am 09. Rondramond 1044 In Greifenfurt.

Agran Eisenbart wurde vom vielmäuligen Schrecken verschlungen, sein lebloser Körper überzogen von Wunden, Säure und Blut verschwand und für einen Augenblick schien die Zeit stillzustehen, bevor alles zugleich geschah.
Banuq warf sich hinterher und dem Schrecken alles entgegen, was er zu bieten hatte um Agran zu retten. Mehrfach mussten wir mit ansehen, wie er von den messerscharfen Beinen Wunden empfing und zweimal rettete ihn nur das reine Glück, als die immer hungrigen Mäuler um Haaresbreite über ihn zusammenschnappten.
Der dunkle Gang wurde beinah dauerhaft von den Flammenlanzen erleuchtet, die Andarion zur Unterstützung sandte und Panzer und Insektenfleisch verbrannte.
Wir verdankten schließlich der Alchimistin von Okdrâgosch unsere Flucht. An die Höhlenwand gepresst spürte ich in jenen angstvollen Momenten die Säurekugeln in meiner Tasche, die ich gegen etwas Abrieb des Pilzes eingetauscht hatte. Da erinnerte ich mich an die Steinwand in ihrem Quartier, die sie zu Demonstrationszwecken beworfen hatte und an das geschmolzenen Gestein nach dem Aufprall. Ohne Nachzudenken warf ich den gesamten Vorrat, sieben Kugeln aus Ton, in den Schuttberg in unserem Rücken und tatsächlich: Unter einer stinkenden Wolke sackte ein Teil des Gerölls in sich zusammen und gab einen Weg und etwas Tageslicht frei.

Doch unter den dumpfen Lichtstrahlen wichen die Vielbeinigen zurück, darunter auch der Schrecken, der Agran verschlungen hatte.

Andarion und Banuq rückten entschieden vor, nicht bereit ihren Freund zurückzulassen. Banuq, der seinen Speer mittlerweile im Leib eines der Rieseninsekten vergaben und verloren hatte, ging nun mit Pfeil und Bogen weiter vor, aus vielen Wunden blutend. Auch Andarion verließ die Deckung neben mir und nutze seine letzten Reserven, Flammen zu schleudern. Seine Worte in fremder Sprache hallten durch die Gänge, untermalt vom Fauchen der Flammen und dann, kurz bevor uns die Hoffnung verließ, brach das Monstrum in sich zusammen und Agran rutschte aus dem aufgebrochenen Leib reglos hervor.
Da ergriff auch mich so etwas wie Heldenmut, ich eilte hinterher und zwischen den Beinen der Monster zogen Andarion und ich den Zwerg hervor, während Banuq uns den Rücken freihielt.

Doch immer mehr Kreaturen drangen auf uns ein und kurz sah es so aus, als dass sie uns den Rückweg abschneiden würden. Doch Banuq verschoss Pfeil um Pfeil und warf sich aus der Reichweite der Klauen und Mäuler, als Andarion einen weiteren Flammenstrahl gegen seinen Gegner warf und uns damit Zeit erkaufte.
Währenddessen weigerte ich mich, Agran ziehend und zerrend loszulassen und der Urmutter sei Dank hab ich nur noch eine wage Erinnerung an ein Maul aus der Dunkelheit, das knapp über meinem Nacken zuschnappte und mich verfehlte. Ich erinnere mich nicht an vieles, nur dass ich kurz darauf rücklings am Durchgang in Banuq stolperte, Agrans Körper hinter mir herziehend. Im nächsten sprichwörtlichen Augenblick stand plötzlich Andarion neben uns und wies Banuq an, eine Steinstele umzustoßen.
Während ich alles aufbot, den leblosen Leib Agrans zu versorgen, sammelte Banuq alles an Kraft die noch in seinen Muskeln zu finden war und polternd kam die eben erst gewonnene Lücke zwischen uns und den Vielbeinigen zum Einsturz.

Wir waren entkommen. Doch als alles an Kraut, Salbe und Humus auf Agrans Leib lag mussten wir uns eingestehen, dass es zu spät war. Agran Eisenbarts Seelenfunken war erloschen und keine derische Hand konnte noch etwas tun.

Wir brauchten Stunden, um wirklich wieder zu Sinnen zu kommen und selbst mir, der das Werden und Vergehen als Sumus Gesetz verstand, wollte nicht so recht bewusst werden dass wir ihn verloren hatten…

Während ich mich um Banuqs Wunden kümmerte, zog sich Andarion mit Agrans Pfeife zurück, ehe er begann sich umzusehen und feststellte, dass wir uns in einem geschützten Tal befanden, an dessen Sole eine verlassene Siedlung befand. Ihre Kupferdächer leuchteten in der Mittagssonne und alles lag in Stille. Doch das war nicht das Verwunderlichste, berichtete der Magier: Ihre Häuser schienen wie aus dem Stein gewachsen, beinah natürlich entstanden und in kreisrunder Anordnung zu stehen.

Wir entschieden, Agrans Leichnam mitzunehmen. Ihn hier, so nah am verschüttetem Schrecken zurückzulassen, erschien uns allen falsch. Andarion ging voran, Banuq trug unseren Krieger und ich die Humusflamme, deren grünes Leuchten zunahm, umso näher wir der Ortschaft kamen.
Und dann fielen uns die Stelen aus Kupfer auf, die in zwei Kreisen hier ringsum im Tal angeordnet waren. In sie eingraviert standen Worte, von denen die einen uns nicht bekannt waren. Doch in denen, die Rogolan sprachen, erkannten wir Namen wie Xorlosch, Curoban, Angrosch, Ferlox und Brandan. Unser Käfer flog, verselbstständigt durch die Macht die hier zu herrschen schien, unablässig immer und immer wieder die meilenweiten beiden Kreise ab, die die Stelen beschrieben.

So untersuchten wir den Ort und stellten fest, dass die Stelen in zwei Kreisen angeordnet waren. Die Ortschaft befand sich zwischen ihnen, und im Mittelpunkt fanden wir ein Wunder: Bunte Blumen, hohe Bäume mit jungen Trieben und uralten Stämmen, Farn und Moos verriet eine selbst mir unerahnte Konzentration des Humus. Auch hier stand eine Stele, zu deren Fuß ein Samenkorn in Größe eines Kuhschädels lag. Aus ihm spross Wurzeln, die der Ursprung dieses Wunders waren und all das mit Leben versah.

Hier, an diesem Ort, sprach Totenamsel zu uns. Erst nur eine Stimme im Wind, formte sich darauf ein Körper aus Blättern, das Wurzelsamenkorn im Arm haltend. Wir legten Agran zu seinen Füßen in das sprießende Grün und standen Totenamsels Fragen Antwort. Er schien nicht ganz in unseren Sphären zu weilen, doch als wir auf Brandans Pakt und das Unhumus zu sprechen kamen, schien etwas in ihm zu erwachen. Wir überreichten ihm Flamme und den Käfer in die ausgestreckten Hände aus Pflanzenwerk und zogen uns auf die Stufen ringsum zurück, damit er uns das von Xenos prophezeite Werkzeug schaffen würde.

Hier redeten wir stundenlang über unseren verlorenen Freund Agran Eisenbart, tauschten Geschichten und Erinnerungen aus und weinten gemeinsam, um unsere Seelen zu trösten.

Totenamsel schien in der Zwischenzeit etwas zu wirken, denn mit einem Mal erfüllte uns alle das Wunder Sumu. Jegliche Erschöpfung, Schmerz und Leid wurde davongetragen und das pure Leben durchströmte unsere Leiber.

Doch nicht nur die unsrigen: 
Agrans Körper wurde von Wurzeln unter die Erde getragen, auf der er lag. Und als er wenige Momente später wieder, einer sprießenden Pflanze gleich, hervorkam, waren seine Augen geöffnet. Sumu hatte ihm sein Leben geschenkt! Er selbst erinnerte sich an nichts, was seit dem Moment geschehen war als er verschlungen worden war, und vielleicht ist es auch besser so.
Ein weiteres Mal weinten wir, doch diesmal vor Freude und ungläubiger Erleichterung, unseren Freund wieder in den Armen halten zu dürfen.

Viel Zeit blieb uns allerdings nicht, denn Totenamsel, frei von jedem derischen Gefühl, trat wieder an uns heran. Die Humus-Flamme brannte nun deutlich kleiner: Er hatte den Käfer mit ihrer Macht gefüllt die wir brauchten um das Unhumus zu reinigen und mahnte uns der Eile. Seine Worte sollten uns dauerhaft begleiten:

„Das Erz zürnt den Zwergen und wird sich nicht leicht erweichen lassen. Möget ihr jenen rechtzeitig erkennen, der alles zu verantworten hat.“

Damit eröffnete er uns einen Tunnel mitten aus dem Nichts und entschwand im Wind. Wir folgten voller Dankbarkeit dem gewiesenen Weg, auch wenn er uns versicherte, nichts mit dem Wiederbeleben zu tun gehabt zu haben. Durch einen Weg, der von Moos und Licht geflutet war, fanden wir uns in wenigen Stunden auf einer Weide wieder. Der Ausgang verschwand ebenso unaufgeregt wie er erschienen war und Banuq spannte nur noch eben eine Plane als Unterschlupf, bevor wir alle auf der Stelle in tiefen Schlaf sanken.

Am nächsten Morgen weckte uns ein Bauer mit seinem Vieh und wir konnten uns mit seiner Hilfe orientierten: Wir befanden uns nördlich des Reichsforst, nicht weit von der Stadt Greifenfurt entfernt. Wir beschossen, uns dorthin als nächstes aufzumachen, um herauszufinden wo genau sich das Kloster Arras de Mott befand, von dem wir wussten dass sich dort der Zugang zu Globule des Tal der Elemente befinden musste.

Am Mittag des 09. Rondramond 1044 nach Bosparans Fall erreichten wir nach einer friedlichen Reise über feste Straßen hindurch durch Felder und Wiesen diese triste, graue Stadt mit ihren wehrhaften Mauern und Pallisadenringen. Hier kehrten wir als erstes in ein Gasthaus ein, um uns zu stärken und einen kurzen Augenblick Atem zu schöpfen, ehe wir den einzigen Praiostempel aufsuchen wollten, um etwas über das Kloster zu erfahren.