uhlfings-chroniken

Elfter Eintrag – Aus dem Wald und in die Berge

Tage 20-21
Eingetragen am 25 Tag im Phexmond 1043
Im Tannenwald, an den Hängen der Ingrakuppen, nördlich von Calbrozim

Wie schnell die Tage im grünen Schoße Sumu vergehen. Trotz des Wetters, was manch einer, der in Städten und Dörfern sein Dasein fristen muss wohl “schlecht” nennen würde, kamen wir eine Zeit lang gut voran.

Ich verlor mich in einer recht angeregten Diskussion mit Andarion von Neersand über das widernatürliche Gedränge in Siedlungen und ihrem Potzenzial zur Gewalt gegenüber dem ebenso geschäftigen aber äußert friedfertigen Treiben der Bienen in ihrem mindestens ebenso vollen Stock (auch wenn ich glaube dass der Gildenzauberer schelmisch und wenig ernst bei der Sache war) sodass ich zuerst gar nicht mitbekam, dass es Banuq war, der Stimmen vernahm und stehenblieb. Er berichtete von Botschaften, den Göttern den Rücken zu kehren und sich zurück zur Natur zu besinnen. Was ich begrüßen würde, wüssten wir nicht von den bösen magischen Flüstereien. Dennoch überprüfte ich Banuq auf seine Bindung mit der Urmutter. Doch auch wenn er ein begnadeter Jäger und kundiger Fährtenleser ist, den Funken unsereins fand ich nicht in ihm.

Bis auf diesen Zwischenfall hätte es gern ewig so weitergehen können: Das Philosophieren über das Zusammenleben der Tiere und Insekten, Agran Eisenbarts “leise” Gesänge in uraltem Rogolan, das wohl nur die Zwerge selbst verstehen konnten und dem herrlichen Bärenfleisch, das Banuq uns zu den Pausen briet. Doch dann kamen die Wölfe.
Jede Diskussion der Himmelssteine, das Leittier mit einer List in Form eines gepanzerten Zwergs namens Agran Eisenbart anzulocken und auszuschalten, um das restliche Rudel zu zersprengen war dahin als sie aus dem Dickicht brachen. Beinah so viele Tiere wie ich Finger und Zehen habe, jedes von ihnen mit dem charakteristischen Nackenkamms eines Rudelführers und von einem widernatürlichen Hass und Willen getrieben.
Ich danke der Erdenmutter, dass meine Gefährten schlussendlich auf mich hörten und mir in letzter Sekunde auf die Bäume folgten, in die ich geflohen war. Alle, außer Agran Eisenbart. Schwer gepanzert und nur halb so hoch wie wir in seiner Körpergröße, zurückgeblieben bei diesem gefährlichen Plan. Ich traue diesem Krieger zu, Mauern einzureißen und Feinde zu zerschmettern, aber gegen diese Meute war er auf Dauer machtlos. Mit Sumus Hilfe schuf ich darum eine Wand aus Ranken und Dornen um ihn, um die Tiere fernzuhalten, doch daraufhin umkreisten sie geifernd und schnappend unsere Zuflucht in den Wipfeln. Und ich wusste nicht, wie lange ich sie aufrecht halten könnte.
Banuq und Andarion von Neersand schleuderten Flammenlanzen und schossen Pfeil um Pfeil und kurz glaubten wir, den wahren Rudelführer ausgemacht zu haben, da umschlang ein Dornengeflecht Andarions Leib direkt neben Banuq und mir. Es ging alles so schnell, denn nur einen Wimpernschlag später war Andarion von Neersand daraus verschwunden und stand nur leicht zerkratzt am Boden, wo er in wenigen Schritt einen Geoden im Dickicht ausmachte. Doch bevor wir handeln konnte, verschwand er im Humus und der Kampf war vorüber.

Wir vermuteten den Geoden Fratim hinter dem Aufhetzen der Grimwölfe und dem Rankenzauber, doch da wir seine Fährte nicht aufnehmen konnten, blieb uns nichts als Mutmaßungen, dem Verarzten der Kratzer und dem Fortsetzen unseren Weges.

Der Falke, der uns jetzt wieder folgte, ließ uns achtsam bleiben bis wir den Tannenwald hinter uns ließen und die schroffen, zerwühlten Hänge der Ingrakuppen erklommen. Es war Agran Eisenbart, der beseelt durch den Anblick der Berge mit seinem erträumten Stein fest umklammert uns zu neuen Kräften spornte und zusammen mit Banuq dafür sorgte, dass wir unbehelligt von Wühlschraten und Gerölllawinen unser Nachtlager erreichen und aufbauen konnten.

Vor Regen und Wind geschützt ereilten in dieser Nacht Andarion von Neersand die bösen Träume. Anders als die warmen Versprechen von Natur, waren es finstere Vorahnungen, von denen er uns am nächsten Morgen berichtete. Ein Schatten im Berg schien ihn seine magischen Kräfte abzuschöpfen und ihm Furcht und Verzagen einzuflößen und es war das erste Mal seit Beginn unserer gemeinsamen Reise vor knapp einem Mondenlauf, dass ich ihn mit einem Schrei aufwachen hörte.

Nach unserem Aufbruch bei Sonnenaufgang wurde der Stieg beschwerlicher und verlangte viel von uns allen ab. Doch das Plateau, das wir erreichten belohnte uns mit einem uralten Heiligtum der Geoden: Ein Steinkreis, drei mächtig ruhende Hinkelsteine und die Ahnung, den Mächten der Urmutter ganz nah zu sein. Und der Umschlagplatz der verbrecherischen Handlungen, denen wir in Calbrozim auf die Spur gekommen waren.

Während der Rest von uns vor Erfurcht innehielten, erkundete Banuq die Umgebung und fand an einem der Hinkelsteine zwei Beutel mit Golderz und der Art von Steinen, mit denen auch die Meuchelmörder bezahlt worden waren.
Im gleichen Moment entsprang ein Luftelementar dem Hinkelstein, umflog wie eine Schwalbe unsere Köpfe und sprach zu uns. Er danke uns für seine Befreiung, doch sein Gefängnis diente wohl seinem Schutz. Und sein Wärter war niemand anderes als Murtosch, der uralte Meister des Erzes.
Als wäre all dies nicht aufregend genug, hatte das Wesen des Windes noch mehr zu berichten: Murtosch sei in größter Gefahr und brauchte dringend Hilfe!