uhlfings-chroniken

Dreizehnter Eintrag – Murtosch und die Drachen.

Tag 24
Eingetragen am 28 Tag im Phexmond 1043
Ingrakuppen, Sonnenberg

Die Höhle stellte sich als ein wahres Wunder der Urmutter Sumu heraus. Kristalle funkelten im einfallenden Licht der Sonne und man meinte beinahe, ihr Schauspiel hören zu können. Doch was dann geschah, ließ mich alles Schöne vergessen.

Murtosch, der Meister des Erzes, befand sich tatsächlich an diesem Ort. Doch der Koloss war verstummt und sein Leib aus Erz kaum zu erkennen, war er doch beinahe mit der Wand aus Kristall hinter ihm verschmolzen. Vor ihm standen zwei Zwerge. Der eine, in eine rote Kutte gehüllt und mit einem Wesen aus Stein an seiner Seite, bemerkte uns sofort. Der andere, in einen dunklen Umhang gehüllt, hielt einen wundersamen Stein, das Herz des Berges, wie wir später erfahren sollten, in seinen Händen gegen Murtosch gerichtet.

Es fällt mir schwer mich an das was folgte zu erinnern, denn die Gewalt und der Schmerz kam so plötzlich, dass ich nicht alles verstand. Erst fanden Banuq und ich beinahe den Tod, als Fels- und Kristallbrocken nach uns geschleudert wurden und nur der Gnade Sumu war es zu verdanken, dass sie uns verfehlten und in messerscharfe Scherben zerbrachen.
Die verdorbenen Herren der Erde, denn sie waren es tatsächlich, schufen zwei Wälle. Den äußeren aus Stein und den inneren aus lodernden Feuer, um uns von Murtosch fernzuhalten. Ganz innen stand der Geode mit dunkler Kutte, nur schwer durch die Flammen zu erkennen, gegen Murtosch gerichtet. Und hinter der Wand aus Stein hatte sich der Zwerg in Rot verschanzt, der nun begann, mithilfe seines Dieners weitere Felsbrocken nach uns zu schleudern. Doch die Himmelssteien stürmten wie ein einziges Lebewesen voran, und während Agran Eisenbart uns, ohne auf sein eigenes Wohl zu achten, mit Leib und Schild vor den umherfliegenden Steinen beschütze, jagte Banuq einen um den anderen Pfeil in die Leiber der Geoden. Andarion von Neersand verschwand auf magische Weise und tauchte direkt neben dem grauen Geoden auf, um ihn mit Schreckenszaubern und Stabhieben vom bösen Wirken abzuhalten. Auch Thurin begann zu rennen, ließ Steinlanzen durch Zwergenleiber jagen und durchschritt ohne zu zögern die Wand aus Feuer, um sich ebenfalls dem Geoden zu stellen, der das Herz des Berges gegen Murtosch richtete.
Nur ich fand nach dem ersten Felswurf, der mir beinahe den Leib zertrümmert hätte, nicht mehr auf die Beine. Als ich es schließlich doch tat, hüllte dieser sich in den Pelz des Bären und stürmte voran, bereit mit Krallen und Zähnen der Wut Ausdruck zu verleihen, die ich ob dieser Schändung und Verrats an der Urmutter selbst empfand. Doch auch unter Fell und Fleisch des Bärens schlug immer noch mein zauderndes Herz, und es gelang mir nicht, die Flammen zu überwinden.

Dann war alles vorbei und nicht einer von uns war, wie durch ein Wunder, zu Schaden gekommen. Die Geoden fielen und der Koloss Murtosch selbst, befreit vom Bann, zerdrückte den übrig gebliebenen elementaren Diener als wäre er nichts weiter als eine morsche Haselnuss. Die Höhle fand zu noch prächtigeren alten Schönheit zurück und so kamen auch die Farben wieder.

Der Meister des Erzes selbst bestätigte unsere Befürchtungen, und seine Stimme klang wie das Grollen einer Lawine und das Knirschen von Kies: Ischlarin der Purpurwurm hatte die Jahrtausende überlebt und lag immer noch lauernd unter Romdrolosch. Von dort aus band er das Erz an sich und zwang einen Djinn unter seine Dienste. Und er war es auch, der die Herren der Erde verführt und zu der Tat gegen Murtosch verleitet hatte.

Murtosch fühlte, dass das Herz des Berges unruhig schlief. Und er fühlte auch, dass Brandans Pakt immer schwächer wurde und versiegte. Ischlarin begann, sich zu befreien. Und er gierte nach dem Thron Pydracors.

Doch der Meister des Erzes hatte nicht nur Schrecken zu verkünden: In den Ingrakuppen schlief der Kaiserdrache Morchur, von Ischlarin ins Reich der Träume gesperrt. Sollte es uns gelingen, ihn aufzuwecken, so hoffte Murtosch, würde das mächtige Wesen Rache an Ischlarin nehmen. Unsere einzige Möglichkeit, den Purpurwurm zu bezwingen. Dafür erhielten wir von Murtosch eine Schale aus Bronze und einen kristallenen Klöppel, deren Klang den Kaiserdrachen erwecken könnte. Und nicht nur das, Murtosch kannte auch den Hort, in dem Morchur in unfreiwillig langen Schlaf verbannt war. Ein alter Außenposten, den man über die vergessenen Tunnelstraßen der Zwerge erreichen konnte, die einst als Versorgungswege zwischen ihren Bastionen genutzt worden waren.
Und noch mehr Gaben sollten wir vom Meister des Erzes erhalten. Neben wundersamen Kristallen, die die Wirkmacht dessen beinhalteten, was Andarion von Neersand Magie nannte, erhielten wir auch ein Bündel Pfeile mit Spitzen aus Kristall, die ihren Weg in Banuqs Köcher fanden.

Wir stritten, was zu tun sei. Die einen meinten, wir sollten zum Hochkönig der Zwerge zurückkehren, eine Armee aufstellen und gegen Ischlarin ziehen. Die anderen waren dafür, Merkur zu wecken und ihn gegen den Purpurwurm kämpfen zu lassen. Und dies wurde auch unser Plan, denn Murtosch hielt dafür, dass die Zeit mehr als knapp sei. Agran Eisenbart und Thurin fassten im Gebet an Angrosch den Entschluss, dass sie einmal nur mit dem Kaiserdrachen gemeinsame Sache machen konnten. Doch nur unter der Bedingung, dass es am Ende nur noch einen Draka geben konnte, und dass dieser dann geschwächt und ein bezwingbarer Gegner sein würde.
Ich hätte mich gegen diesen blinden Hass und das verschlagene Kalkül gewendet, doch eine andere Erkenntnis ließ beinahe mein Herz zerspringen. Der verdorbene Geode, der das Herz des Berges gestohlen hatte, war Narax gewesen. Mit ihm hatte ich in Calbrozim gesprochen, wir hatten uns gemein gemacht und ich hatte unsere Einsichten und Pläne offenbart. Und wäre bei dieser Erkenntnis nicht Agran Eisenbart mit Trost und einer stützenden Hand an meiner Seite gewesen, hätte ich diese Höhle vielleicht nicht mehr so bald verlassen. So aber wusste ich, dass ich Freunde gefunden hatte, und kurze Zeit später machten wir uns auf den Weg.
Zu dieser Zeit sollte auch ein Mauersegler mit einer Nachricht an den Hochkönig am Bein seinen Weg nach Calbrozim finden, in der wir berichteten, dass Brandans Pakt schwand und dass Ischlarin erwachte. Auch über unser nächstes Ziel stand dort geschrieben, doch nur der Ort und nicht unser Vorhaben, den Kaiserdrachen Morchur zu wecken.

Wir berichteten Murtosch beim Abschied noch vom verdorbenen Wirken Fratims in seinem entweihten Steinkreis unweit vom Sonnenberg, und das letzte was wir darauf vom Herrn des Erzes sahen, war eine wütende Lawine aus Stein und Kristall, die in diese Richtung zog.
Auch half uns sein Wirken beim Abstieg denn steile Passagen wurden weniger abschüssig und Grate weniger schmal, sodass unsere Füße immer festen Halt fanden. Uns so geleitete uns das Wirken des Meisters sicher und überraschend schnell vom Sonnenberg hinab.

Als nächstes durchquerten wir eine Schlucht und trafen auf der anderen Seite auf den Drachenjäger Grumosch und seine drei jungen Schüler. Der mächtige Krieger hatte dsie übereifrigen Gesellen gerade davon abhalten können, den Kaiserdrachen zu jagen. Andarion von Neersand, der es verstand mit Worten umzugehen, überzeugte Grumosch davon, seine Schüler nach Haus zu schicken und sich uns anzuschließen. Und so zogen wir, die Himmelssteine, Thurin und Grumosch weiter und fanden nach kurzer Zeit den Zugang zu den Tunnelstraßen unter eine mächtigen Steinplatte.

Mit zwei Fackeln und sechs guten Zwergenaugen, die in der Finsternis so gut sehen konnten wie wir Menschen am helllichten Tag, zogen wir durch die überraschend warme Dunkelheit, bis wir einen Raum erreichten, der von leuchtenden Phosphorpilzen bewachsen war. Auch die Reste von Truhen und Fässern sowie Schienenteile auf dem Boden waren hier im grünlichen Licht der Sporen auszumachen.
Das Licht der Pilze war recht sonderbar, sollte es doch eigentlich erst austreten, wenn der Pilz von seinem Netzwerk getrennt werden würde… Doch ich hatte nicht viel Zeit darüber nachzudenken, denn Banuq und Grumosch fanden in einem Nebenraum ein paar Uralte Steinplatten, die noch vom großen Krieg berichteten, lange bevor es überhaupt Menschen auf dem Sumurund gab… Und dann entdeckte Grumosch die Skelette einen Gang weiter. Dies hier war schon eine Ewigkeit keine Straße mehr. Es war ein Grab.