uhlfings-chroniken

Dreiunddreißigster Eintrag – Wider den Unhumus

Eingetragen am 12. Rondramond 1044?
Im Tal der Elemente

Den Samen der Furcht, den uns Sumu ins Herz gepflanzt hat, sollten wir niemals ignorieren. Überwinden, ja, doch nicht ersticken. Und doch habe ich es getan und mich vor die Überreste des Drachen in der dritten Höhle der Prüfung gestellt, mit zitternden Händen und fliegendem Atem.

Das Wesen erwachte aus einem Grund, den ich nicht verstand und ehe ich reagieren konnte, schlug es mich nieder und trampelte über mich hinweg, ehe es sich in die Luft erhob und im Nebel verstand. Später stellten wir fest, dass der Nebel, der mich umgab, auch alle Geräusche schluckte und so konnte ich nur von Glück sprechen, dass Agran und Banuq beschlossen, nach kurzer Zeit nach mir zu sehen. Ich hatte mich in der Zwischenzeit blutend zwischen die Knochen der Bestie gerettet und suchte verzweifelt nach einem Ausweg, den es nicht gab.

Meine Gefährten gingen mit Messer, Keule, Schild und Bogen gegen den Drachen vor, der mittlerweile aus den Schwaden wieder hervorgeschossen kam und Agran mit Hieben und Bissen verwundete. Ich versuchte nach dem ersten Schrecken, ihn mit der Flamme des Humus dazu zu bringen, die Angriffe zu unterlassen und uns als rechtmäßige Besucher anzuerkennen, doch erst als Andarion hinzutrat und den Illusionszauber durchblickte, waren wir außer Gefahr. Denn nichts weiter war der Drache: Ein Blendwerk, dass uns zusammen mit dem Element des Wassers, das unter seinen furchtbaren Schlägen aufpeitschte, ein beinah echtes Bild in unseren Köpfen zauberte. Sobald wir hinter den Schleier blickten, löste sich dieser auf und wir verließen den Ort so schnell wir nur konnten.

Doch die darauf folgende Höhle sollte sich als die Schlimmste herausstellen, jedenfalls für mein Empfinden. Gänzlich zerstört lag hier der Obelisk des Humus danieder, Boden und Wände waren mit schwarzem Schleim des Unhumus übersäht und ich konnte nur ein winziges Pflänzchen, mehr tot als lebendig, bergen und mit mir nehmen.

Die letzte Höhle war von goldenem Licht durchflutet. An mehr erinnere ich mich nicht. In tiefer Trauer und mit verstörten Gedanken an das Unhumus reichen sie nur noch soweit, dass ich eine Hand auf den Stein legte und so mir und meinen Gefährten wie bereits bekannt und erlernt die Weiterreise ermöglichte.

Das Element des Eises fanden wir nicht vor, denn als wir dem Gang dahinter folgten, verengte sich dieser wie bereits zu Beginn des Höhlensystems zu einem Spalt und als wir diesen passierten, erreichten wir das Tal der Elemente. Uns empfing ein Kessel umgeben von unbeschreiblich hohen Bergen, dass selbst der Berg Schlund vor Neid erloschen wäre. Auf der einen Seite stand ein gigantischer Gletscher, umweht von eisigen Winden, während von einer anderen Seite ein Wasserfall in die Tiefe stürzte und es ihm an einer anderen Stelle ein Lavastrom gleich tat. Nur der Wald am Talboden war aus totem Staub und versteinertem Humus…

Dieser Ort lastete schwerer auf meiner Seele als jeder Schrecken, den wir bis dahin erleben mussten. Ein furchtbares Gefühl der Einsamkeit, des Verlassen sein riss ein Gefühl der Leere in mich. So musste es sich anfühlen, Sumu tatsächlich sterben zu sehen. Viele der folgenden Aufzeichnungen in diesem Abschnitt habe ich im Nachhinein durch die Erzählungen meiner Freunde festgehalten, denn zu jener Zeit verschleierten Tränen, roter Zorn und endloser Schmerz meine Wahrnehmung und an vieles erinnere ich mich nicht mehr.

Wir folgten einer grob gehauenen Treppe in der Felswand hinab in den Unhumus-Alptraum. Alles, was hier einst gelebt und gewachsen war, war tot und umso tiefer wir vorangingen, desto mehr schwarze Pilze und kranke Flecken passierten wir, bis wir schließlich den versteinerten Kaiserdrachen entdeckten. Ein goldener Schlangenreif lag um seinen Hals, doch bis auf dieses Detail war der gebundene Schutzpatron dieses Ortes ebenso aus grauem Staub wie alles andere Lebendige hier.
Wir entschieden, ihn so zu belassen wie er war. Zu groß war die Furcht zu gleichen Teilen, ihn zu erwecken oder auf ewig in Staub zerfallen zu sehen.
Wenig später entdeckten wir einen doppelten Steinkreis mit 72 Obelisken im äußeren Ring und 5 im Inneren. Während die äußeren Steine grob gehauen und bar jeder Verzierung waren, entdeckten wir auf den inneren jeweils die Symbole der Elemente, wie sie die Magier der Akademien verschriftlichen. Andarion von Neersand fiel auf, dass das Zeichen fehlte, welches das Element Eis beschrieb.
In der Mitte dieser Anlage führte eine Treppe in die Dunkelheit hinab, doch wir entschieden dem Käfer von Xenos zu folgen, der uns weiter nach Nordwesten führte.

Hier wurden die Wucherungen des schwarzen Unhumus immer schlimmer, bis der gesamte Boden von diesem schleimigen, pilzartigen Geflecht übersäht war. Und inmitten dieser urbösen Perversion standen, tief in einem schwarzen Teich, die überwucherten Reste der alten Blutulme, die Borbarad einst geschändet hatte um sich seinen Stab zu fertigen. Unser Käfer kämpfte sich durch den Unhumus bis hin zum alten Stamm und verschwand darin, um mit seiner Reinigung zu beginnen.
Doch der Unhumus blieb nicht untätig. Er schickte uns seine bösen Geister entgegen, verzerrte und abscheuliche Fratzen einer Macht, die nicht in der Lage war, Schönheit und Leben zu wirken, sondern es nur nachzuäffen. Sie erhielten Unterstützung von einem baumstumpfähnlichen Monster, das Andarion später als Unhumus-Djinn bezeichnen sollte. Wir warfen uns mit aller Macht, die uns zur Verfügung stand, entgegen und schafften es dennoch nicht, die Unhumus-Geister gänzlich davon abzuhalten, in den schwarzen Morast um die Blutulme überzugehen und den Käfer als ein furchtbares Tentakelgewirr anzugreifen. Der Djinn seinerseits rammte verdorrte Wurzeln, die aus seiner Leibesmitte schossen, in den Boden und pumpte Böses in den ohnehin geschundenen Waldboden.

Wir handelten aus purer Verzweiflung. Während Agran mit bloßen Händen gegen den Djinn vorging und begann, die Wurzeln aus dem Boden zu reißen, warfen Andarion und Banuq Flammen und Kristallpfeile, die der Jäger einst von Murtosch erhalten hatte, in das Tentakelgewirr. Ich war meinerseits von aller Kraft beraubt und so blieb mir nur übrig, mit hoch erhobener Humusflamme dem Käfer folgend in den Morast-Tümpel zu waten und ihn mit ihrer Kraft zu unterstützen. Es gab ein lautes Fauchen, und der grüne Schein ging in den Käfer über, dann war die Laterne leer.

Das letzte, was auf dieser Seite vermerkt sein soll, ist das Grauen, das uns ereilte, als sich daraufhin der Boden auftat wie eine schwelende Wunde und Geysire aus schwarzer Bosheit in den Himmel schossen. Eine Präsenz bohrte sich in unser Bewusstsein und umklammerte unsere Herzen und nur ein Gedanke blieb: Wir hatten etwas geweckt, das Schlimmer war als alles davor. Und es kam direkt auf uns zu.