Achtundzwanzigster Eintrag – Tausendbeinige Hatz
Tag 37 nach Ishlarins Befreiung
Eingetragen am 7. Rondramond 1044
Im Reichsforst
Tatsächlich war der Speer, den Banuq geborgen hatte, von einer Macht erfüllt, die scheinbar mit den Kraftlinien und der Präsenz des Humus resonierte. Doch viel Zeit, ihn weiter zu untersuchen hatten wir hier unten in den Gängen der Vielbeinigen nicht. Denn kaum hatten wir die nächste größere Aushöhlung erreicht, sprangen uns aus Löchern in den Wänden und Decken zwei grauenhaft verwachsene, spinnenartige Ungeheuer an, die unmöglich aus dem Schoß der Urmutter stammen konnten. Meine Gefährten warfen sich ihnen gewohnt todesmutig entgegen, doch inmitten der tanzenden Schatten, die unsere Fackeln warfen, wurde Banuq von einem der Ungeheuer verschlungen! Der Anblick, wie sich aus einem der unzähligen Münder ein Fleischsack stülpte, der sich in atemberaubender Schnelle um seinen gesamten Körper hüllte, wird sich wohl ewig in mein Gedächtnis gebrannt haben. Und ebenso das Bild, wie sich der große Jägersmann mit Speer und Messer wieder herausschnitt ehe ihn das Monster in die Dunkelheit zerren konnte. Agran, Banuq und Andarion schlugen sie schließlich mit Keule, Speer und Flammenlanze nieder und die seltsamen Verbrennungen, die Banuq im Beutel erlitten hatte konnte ich mit Sumus Gnade und einigen Kräuterwickeln lindern. Wir mussten alsbald weiter, fürchteten wir doch dass noch mehr dieser Wesen uns auflauern könnten.
Der Käfer, der uns mithilfe der Steine durch dieses Labyrinth führte, entschwand jedoch durch eine Felsspalte, durch die kein menschlicher (oder zwergischer) Körper folgen konnte. Es war also an mir, in das Fell eines Wiesels gewandet, in zurückzuholen. Ich gebe zu, es bedurfte einiges an Überredung meiner Mitstreiter, doch meine Vorsicht sollte nicht ohne Grund gewesen sein: Angelangt auf der anderen Seite empfing mich ein roter Nebel im Gang, und mit ihm ein boshafter Odem, der mit ihm durch die Dunkelheit zog.
Schnell zog ich mich zurück und wir versperrten den Spalt im Fels mit etwas Geröll, um den Käfer zu einem Umweg zu zwingen, dem wir alle folgen konnten. Unser Plan ging tatsächlich auf und wenig später erreichten wir eine weitere Höhle, die sich von allem unterschied was wir bis dahin hier unten erblickt hatten: Von irgendwo oben, aus Spalten in der Decke, sickerte Sonnenlicht und fiel auf den Boden, wo es Farne und Moos Kraft zum Wachsen schenkte. Hier stießen wir auf das Steingrab von Kendrasch selbst, dem König der Brilliantzwerge. Jedenfalls kündete davon eine Steinplatte, die sein Vetter aufgestellt haben musste und Angrosch und Ferlok (Phex in gemeinen Zunge) um sicheres Geleit in die Hallen der Väter bat.\
In einer Mulde unter der Platte fanden wir ein Paar magisch verstärkte Plattenstiefel aus Mondsilber, die ihrem Träger laut Andarion große Geschwindigkeit verliehen. Angesicht der Gefahren entschieden wir mit höchster Ehrerbietung, sie an uns zu nehmen. Agran Eisenbart schien uns der würdigste Träger zu sein.
Als wir noch beisammenstanden, ich für einen Moment nur die Ruhe und Kraft der Pflanzen genoss und wir uns fragten, wie und warum der König der Brilliantzwerge in einem Insektenbau seine letzte Ruhe gefunden hatte und weshalb man ihn nicht im Brauch des Volks Angrosch den Flammen übergeben hatte, ereilte uns wieder das Böse:
Diesmal kam es aber nicht auf Beinen aus Chitin sondern in Form der roten Wolke, die ich auch schon bei der Bergung des Käfers gesehen hatte. Dunkelheit senkte sich über die Wände herab, vertrieb das Sonnenlicht und ließ Moos und Farn verfaulen. Und dann formte sich in unserer Mitte das Schrecklichste, was ich je zu Gesicht bekam: Ein Mantel aus fließendem Blut entstieg, und hüllte einen tiefschwarzen Leib ein, dessen kahles Haupt eine Krone aus Tod zierte. Der schattenhafte Schädel grinste uns boshaft an und eine Stimme aus Schmerz sprach zu uns. Das Wesen weidete sich an unserer Furcht und verkündete unseren Tod durch die Vielbeinigen, die nun kommen und uns jagen würden.
So wie die Gestalt erschienen war verschwand sie wieder, auch wenn ich mir rückblickend sicher war dass sie uns alle mit einem Streich hätte vernichten können. Doch unsere Angst schien ihr mehr Freude zu bereiten als ein schneller Tod, und als sie ging hörten wir tatsächlich das Rauschen unzähliger Beine, die einer Flutwelle gleich aus der Dunkelheit auf uns zubrauste.
Wir mussten hier raus, und das schnell. Agran, gekleidet in die Mondsilberstiefel, lief voraus und merkte selbst gar nicht, dass er uns durch diese mächtigen Artefakte nach wenigen Momenten bereits abgehängt hatte. Bei unserer kopflosen Flucht geriet Andarion ins Staucheln, doch Banuq war zur Stelle um ihn wieder aufzuhelfen und ich versuchte mit einer Wand aus Dornen, den Ansturm aufzuhalten. Doch das Wirken der Urmutter sollte uns nur wenige Moment erkaufen, denn wurden die ersten Insekten dadurch noch aufgehalten, schnitten größere Unwesen hindurch wie durch Gras und durch diese Lücke folgten ihnen bereits Unzählige.
Immer weiter rannten wir durch die tiefe Schwärze der Gänge, bis sich vor uns ein trüber Lichtschein abzeichnete. Doch der wortwörtliche Hoffnungsschimmer währte nur kurz, denn kurze Zeit später fanden wir uns vor einer Wand aus Geröll und Schutt wieder. Agran hatte bereits mit bloßen Händen zu graben begonnen und wir gesellten uns dazu, mit Händen, Füßen und Humuskraft. Doch wir waren zu langsam, und die ersten Vielbeinigen, die es durch die Dornen geschafft hatten, holten uns ein.
Ein weiteres Mal stellten wir uns dem vielbeinigen Schrecken, während noch größere Monster in der Tiefe des Gangs weitere Albträume gebaren. Messerscharfe Beine hüllten uns in eine Kakophonie aus Gescharre und Gezische, unsere Fackeln warfen fauchend zuckende Schatten an die Wände und die Herzen schlugen uns von der Flucht bis zum Hals. Abwechselnd grabend und kämpfend hielten wir stand, doch immer mehr warfen sich uns entgegen bis wir schließlich ganz vom Schuttberg ablassen mussten und nur noch damit beschäftigt waren um unser Leben zu kämpfen.
Agran Eisenbart wütete schrecklich unter den Insekten und hielt uns viele vom Leib, erkaufte uns wertvolle Momente und schützte uns mit Keule, Schild und seinem Körper. Doch es waren zu viele. Kämpfend wurde er unter zuckenden Leibern begraben und bevor er sich befreien konnte, erschien ein weiterer vielmäuliger Körper, walzte ihn nieder und verschlang ihn erschreckend nebenbei auf die gleiche Weise, wie es bereits Banuq widerfahren war. Das letzte, was wir von unserem zwergischen Begleiter sahen, war sein regloser Körper überzogen von Säure und Blut, ehe er vom fleischigen Beutel verschlungen und in die Dunkelheit zurückgezogen wurde.