Achter Eintrag – Richter und Henker
Tag 17
Eingetragen am 21 Tag im Phexmond 1043
Zwergenfeste Calbrozim
Albrax, Sohn des Agam berichtete uns in der Eingangshalle des Hotels von der Sorge, dass Gharmon, Sohn des Ghambir, blind vor Trauer und Wut um den Tod seines Bruders Gatrox, Sohn des Ghambir, einem Verdächtigen etwas antun könnte. Und das, ohne dass dessen Schuld überhaupt bewiesen war. Dieser Jemand war niemand anderes als Ferolax, der Brilliantzwerg den wir schon im Dampfbad kennengelernt hatten.
Wir machten uns sogleich auf den Weg zum wohl bekannten Kontor, in dem er sich mit seiner Sippe bereits verschanzt hatte und von Gharmon, Sohn des Ghambir und einem Pulk an Gardisten belagert wurde. Bei Sumu, fürchtet den Zorn der Zwerge! Wie das Beben der Erde kurz vor einem Steinschlag hing die Gefahr über unseren Köpfen und nur Gandrixa, Tochter des Ghambir, die ihrem Bruder beistand, und Andarions Verhandlungsgeschick war es zu verdanken, dass wir noch kurz vorher zu Ferolax vordringen konnten. Wir verhinderten einen Kampf und einigten uns auf eine gerechten Verhandlung vor Gericht, bei der auch Albrax, Thorod und außerdem Ghambir, Sohn des Gruin, Graf von Isenhag und Herr von Calbrozim als Richter vorsaßen. Ich danke der Urmutter von Herzen, dass im Kontor kein Zwergenblut vergossen wurde.
Ich erspare der Niederschrift nun all die dramatischen Einrufe, Wendungen und den mühsam verhaltenen Zorn Gharmons und versuche mich auf das Wesentliche zu konzentrieren:
Vor der Verhandlung selbst untersuchten die Himmelssteine den Leichnam von Gatrox, Sohn des Ghambir. Er war mit bloßen Fäusten zu Tode geprügelt worden, und in einigen Hieben erkannte man die Spuren eines Siegelrings ähnlich dem, den Ferolax an den Fingern trägt.
Gefunden hatte man ihn in dem Tunnelsystem, der den Zwergen von Stand vorbehalten war und den Gatrox, Sohn des Ghambir nutze, um unerkannt zur Kaschemme im Hafen zu gelangen, wo er sich Glücksspiel und Bier hingab. Was zu Banuqs Entdeckung passte, dass selbst der Tote noch nach Alkohol roch. Doch auch wenn Ferolax ein Hitzkopf war, der sich sogar schon duelliert hatte, waren die Hinweise zu offensichtlich, und es fehlte jede Motivation. Zumal Ferolax selbst aussagte, dass er zu jener Nacht mit Tortoscha, der Schankmaid aus dem Hotel zur Feste, das Lager geteilt hatte.
Zur Lösung führte schließlich das genehmigte Zauberwirken von Andarion von Neersand, der sowohl Ferolax als auch Tortoscha mit einem Wahrheitszauber belegte:
Ferolax öffnete seinen Geist bereitwillig, sprach aus dass er den Mord nicht begangen hatte und dass er sich zur Tatnacht tatsächlich bei Tortoscha aufgehalten hatte. Sie widersprach allerdings dieser Behauptung und bei ihrer Befragung musste Andarion den geistigen Schutzwall erst überwinden. Erst als ihr Widerstand mit gesprochenen Worten und Gesten gebrochen war, gab sie es zu. Der Graf übernahm selbst ab hier die Befragung und wir erfuhren, dass Roschka, die Inhaberin der Trinkhalle „Zu Angroschs Hammer“ sie zur Lüge angestiftet hatte. Sie sollte Ferolax Annäherungen nachgeben und ihn verführen, um in der Nacht ein Fenster im Gemach des Kontors zu öffnen. Und sie sollte jegliche Tat fest bestreiten…
Der Graf von Isenhag verbannte Tortoscha daraufhin aus Calbrozim und Albrax, Sohn des Agam, Angarok Rogmorok der Zwergenvölker, sprach den Abschluss der Verhandlung, der die Lawine ins Rollen bringen sollte. Hier wurde deutlich dass der Gründer der Kor-Knaben im Herzen immer noch ein Krieger war: Wir würden die Trinkhalle stürmen und Roschka zur Verantwortung ziehen. Die Entscheidung war mit dem Verhallen seiner Worte beschlossen und nichts würde ihn umstimmen können.
Dennoch versuchten wir es ein weiteres Mal mit Worten, doch scheiterten schon an der Wache vor der Tür der mittlerweile verbarrikadierten Trinkhalle. Waffen wurden gezogen, und der Sturm begann, allen voran Agran Eisenbart, den furchtbaren Gorgorom schwingend Seite an Seite mit Banuq und dem Hochkönig mit seinem Leibwächter Murox. Zwergenblut fließt durch die Straßen der Stadt Calbrozim.
Liebe gütige Urmutter Sumu, in all deinem Werden und Vergehen, lass sie vergeben und die Tage in Gnade und Verständnis enden wie auch du Los seine Taten vergeben hast.
(Nachtrag: Ich selbst war bei der Untersuchung des toten Gatrox im Tempel des Angroschs nicht anwesend. All die Unruhe und die volle Stadt setzen mir zu. Banuq gefiel es nicht, dass ich mich entfernte, doch weder sind wir im Eid gebunden noch bin ich ein Leibeigener der Himmelssteine. Das ist der Fluch der Menschen, sie verstehen das Wirken von Welt und Umwelt nicht und versuchen, ihren Einfluss geltend zu machen über den Lauf des Sumu-Runds. Doch ich muss meinen Freund Barlox finden für das Gleichgewicht des Schlafs der Urmutter und das Gefühl beschlich mich, dass ich nicht mehr viel Zeit in dieser Stadt habe.
An einem Marktflecken im Hafen führten mich die Winde der Welt zu Narax, einen Geoden des Humus, der Harmonie und Zuversicht außerhalb des Berges predigte. Auch er hatte einen Ruf seines Gottes vernommen, wenn auch weniger intensiv und auf andere Weise als Agran Eisenbart und ich. Doch von Barlox wusste er nichts zu berichten, auch gab es keinen großen Aufruf der Strömung an alle Geoden wie ich gehofft hatte… Vielleicht ist er wirklich auf dem Weg zum Schlund, zum Fest der Erneuerung. Hier in Calbrozim würde ich nichts mehr finden außer Hass, Gewalt und Lügen.)